WM lässt Börsianer hoffen
Handelsblatt Nr. 110 – Veröffentlichung vom 9./10./11.06.2006 S.35
von P.Mönnighoff (Düsseldorf) und C.Schnell (Frankfurt)
Psychologie könnte die Kurse antreiben - Vor allem Nebenwerte profitieren
Mit Costa Rica wartet beim heutigen Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft ein vermeintlich schwächerer Gegner auf das deutsche Fußball-Team. Und gerade ein früher Erfolg werde die Mannschaft noch einmal antreiben, sagen viele Experten. Einen derartigen Schub könnte auch der deutsche Aktienmarkt zurzeit gut vertragen. Und noch können einige Papiere von dem Fußballfest profitieren.
Der Deutsche Aktienindex hat in den vergangenen Wochen mehr als zehn Prozent verloren und fiel gestern sogar unter die psychologisch wichtige Marke von 5 500 Punkten. „Vor allem die Sorge über weitere mögliche Zinserhöhungen und die damit verbundene Verunsicherung über die konjunkturelle Entwicklung dominieren den Markt“, sagt Lothar Hessler, Analyst bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Zudem würden positive Signale fehlen, die von den Unsicherheiten ablenken.
Ob gerade die Fußball-WM die Talfahrt stoppen kann, ist fraglich. Je näher das Turnier rückte, desto lauter wurden die Stimmen der Skeptiker, die den erhofften Umsatzboom durch die Millionen WM-Gäste bezweifeln. Der Einfluss auf die deutsche Wirtschaft sei eher gering, sagt Matthias Rubisch, Volkswirt der Commerzbank.
Auch bei den meisten Aktien, die lange Zeit als Profiteure der Fußball-WM gehandelt wurden, sind die Kurschancen mittlerweile begrenzt. So haben die Landesbank Rheinland-Pfalz, die DZ Bank und die UBS schon vor Monaten Analystenberichte veröffentlicht, in denen sie die Folgen für Baukonzerne, Einzelhändler und Sportartikelhersteller analysierten. Viele dieser Aktien sind in der Folgezeit auch gut gelaufen. Mittlerweile hat sich die Euphorie aber gelegt, da die Börse der Zeit stets einige Monate voraus ist.
Aktien zu finden, die jetzt noch vom Fußball-Fieber angetrieben werden, ist daher nicht leicht. Hoffnung kommt jedoch von der verhaltensorientierten Finanzmarktanalyse, der Behavioral Finance. So berichten die Analysten der Commerzbank in einer Studie, die demnächst im Journal of Finance veröffentlicht wird, dass ein erfolgreiches Abschneiden der deutschen Mannschaft auch die Kauflaune der Anleger steigert und somit die Kurse antreibt. Niederlagen auf dem Spielfeld würden die Märkte am darauf folgenden Tag sogar noch stärker bewegen – allerdings nach unten. „Gerade bei kleineren Werten sind diese psychologischen Effekte deutlich zu sehen“, sagen die Strategen.
Eines dieser von den Stimmungen der Investoren getriebenen Papiere könnte die Aktie des Karlsruher Telematik-Spezialisten Init sein. Der Anbieter von Verkehrsleitsystemen für den öffentlichen Personennahverkehr bekam durch die Weltmeisterschaft zahlreiche Aufträge ins Haus. Analyst Stephen Love vom Brokerhaus First Berlin empfiehlt die Aktie daher noch immer zum Kauf. Das Kursziel sieht Love bei 8,40 Euro.
Auch die Röder Zeltysteme AG, ein hessischer Anbieter von Bier- und Partyzelten, erlebt durch die WM eine Sonderkonjunktur und gilt als einer der großen Profiteure in Deutschland. Die Aktie kam mit den allgemeinen Kursturbulenzen zuletzt ebenfalls deutlich zurück, entsprechend ist die Bewertung zurückgekommen.
Ein Manko weist die Aktie der Röder Zeltsysteme allerdings auf: Das im General Standard gelistete Unternehmen ist bisher erst einigen Börsenbriefen aufgefallen. Kein einziger Analyst beschäftigt sich mit der Aktie.