"Deutschland ist ein reifer und etablierter Markt"
mep – Marketing Event Praxis 3/2006 – Veröffentlichung Juni 2006 S.22f
Im Interview: Rüdiger Blasius und Martin Osbeck, RÖDER Zeltsysteme und Service AG
Nach einem zweistelligen Umsatzwachstum im Geschäftsjahr 2005 rechnet die RÖDER Zeltsysteme und Service AG – bedingt durch die WM-Konjunktur und ein wachsendes Auslandsgeschäft – 2006 erneut mit signifikanten Umsatzsteigerungen.
mep sprach mit den Vorständen Rüdiger Blasius und Martin Osbeck über Auslands- und Zukunftsmärkte und das WM-Geschäft im eigenen Land.
mep:
Die RÖDER Gruppe erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2005 eigenen Angaben zufolge rund 42 Mio. € Umsatz, ein Plus von 16% im Vergleich zu 2004. Bei der WM sind Sie einer von 3 Zeltlieferanten. Wie sieht Ihre Umsatzprognose für 2006 aus?
R. Blasius
Das Jahr 2005 war in der Tat sehr erfolgreich für uns und wir konnten Ende letzten Jahres auch von Sonderumsätzen bedingt durch die Hurrikankatastrophe im Süden der USA profitieren. Insofern haben wir unsere wie immer konservativen Planungen Ende letzten Jahres nicht zu hoch angesetzt und visierten eine leichte Umsatzsteigerung an. Unsere ersten vier Monate 2006 zeigen bereits ein schönes Plus im Auftragseingang und die neue Gesellschaft in Moskau war in den letztjährigen Planungen auch noch nicht enthalten. Insofern sind wir derzeit optimistisch, unsere Planungen wiederum zu übertreffen, aber um hierbei sicher zu sein, müssen wir erst einmal das erste Halbjahr abwarten. Wie Sie wissen, ist der Veranstaltungsmarkt nicht so einfach planbar.
mep:
Wie ist prozentual das Verhältnis der RÖDER Umsätze in Deutschland und im Ausland?
M. Osbeck
RÖDER ist eine sehr internationale Unternehmensgruppe. Es ist sicherlich eine ausgewiesene Stärke von RÖDER, dass wir über ein exzellentes internationales Netzwerk verfügen und rund dreiviertel unseres Umsatzes nicht in Deutschland machen. Dies ist auch einer der wesentlichen Gründe, weshalb RÖDER – im Gegensatz zu anderen Veranstaltungsanbietern – nicht unter der eher verhaltenen Veranstaltungsnachfrage der letzten Jahre gelitten hat.
mep:
Schreibt Ihre jüngste Niederlassung in China schon schwarze Zahlen?
M. Osbeck
Unsere Firma in China ist schon eine Erfolgsgeschichte für sich, die uns, ehrlich gestanden, selbst verblüfft. Für die Aufbauphase hatten wir die üblichen Anlaufverluste geplant, aber bereits im ersten Jahr 2004 erreichten wir ein ausgeglichenes Ergebnis und im Jahr 2005 hat RÖDER Shanghai schon signifikant zum guten Unternehmensergebnis beigetragen. Aber auch ungeachtet dieser hervorragenden Ergebnisse ist das China-Geschäft für uns ein sehr wichtiger strategischer Zug.
mep:
Werden bei den Olympischen Spielen 2008 auch RÖDER Zelte stehen?
R. Blasius
Das hoffen wir stark! Auf jeden Fall werden wir von hier und vor Ort alles daran setzen, um auch in Peking zu punkten. Hierbei setzen wir nicht auf schnöde Kundenakquisition, sondern versuchen, die lokal Verantwortlichen auch partnerschaftlich zu beraten. Häufig ist es ja so, dass die lokalen Organisationskomitees naturgemäß nicht auf umfassende Erfahrungen mit temporären Strukturen zurückgreifen können. Hier wollen wir gern helfen und haben auch bereits eine Niederlassung in Peking eröffnet.
mep:
Welche Auslandsmärkte sind Ihrer Einschätzung nach Zukunftsmärkte?
R. Blasius
China wird sicherlich bis auf weiteres ein Zukunftsmarkt mit guten Wachstumschancen bleiben. Derzeit fokussieren wir uns auf die osteuropäischen Märkte, die durch die EU-Erweiterungen und die hervorragende wirtschaftliche Entwicklung ein interessantes Potenzial für Veranstaltungsdienstleister bieten. Mittelfristig darf man Indien nicht aus den Augen lassen.
mep:
Planen Sie auf diesen Märkten weitere Niederlassungen?
R. Blasius
In den neuen osteuropäischen EU-Ländern sind wir mit einem Netzwerk bereits jetzt gut vertreten. Mit der Gründung unserer Tochtergesellschaft in Moskau haben wir sicherlich eine strategisch wichtige Position besetzt, aber auch darüber hinaus sehen und planen wir weitere Projekte.
mep:
Blicken wir einmal auf den deutschen Markt: Würden Sie den nationalen Markt auch als Zukunftsmarkt einstufen?
M. Osbeck
Klar! Nur eben nicht als Wachstumsmarkt. Es wäre unfair, immer nur die Auslandsmärkte zu loben. Deutschland ist ein reifer und etablierter Markt mit vielen wiederkehrenden Veranstaltungen und hohem Re-Investitionsbedarf. Nur wer in Deutschland z. B. nachhaltig hohe zweistellige Wachstumsraten sucht, ist wohl ein Träumer.
mep:
Wie würden Sie hier Ihre Marktposition in Deutschland zum einen im Vermietbereich, zum anderen im Verkaufssegment beschreiben?
M. Osbeck
Mit der Vermietung haben wir uns im obersten Qualitätssegment positioniert und im Markt für Zeltsysteme ist das RÖDER System sicherlich eines der Etabliertesten. Aus der Kombination Vermietung und Verkauf haben wir Zugriff auf ein riesiges Netzwerk, das kaum ein Wettbewerber vorweisen kann. Hierdurch haben wir Zugriff auf enorme Ressourcen und können sehr flexibel auf Kundenanfragen reagieren.
mep:
Und die allgemeine Lage des Zeltmarktes? Wie ist gegenwärtig die Nachfrage im Vermietungs- und Verkaufssegment in Deutschland?
R. Blasius
Im Moment sehr positiv. Die deutschen Großunternehmen verdienen hervorragend und nach den mageren Jahren sind die Marketingtöpfe wieder gefüllt. Im Verkaufsbereich haben viele kleinere Vermieter in den letzten Jahren ihren Bestand etwas vernachlässigt und diese haben einen substantiellen Nachholbedarf.
mep:
Was ist für Ihr Unternehmen die WM-Sonderkonjunktur in Zahlen ausgedrückt wert?
M. Osbeck
Unser direktes Engagement in der WM VIP-Sporthospitality ist einen einstelligen Millionenbetrag wert. Zu berücksichtigen ist hier aber auch, dass die WM nicht nur für VIPs abgehalten wird. Auch die weiteren Rahmenveranstaltungen von Firmen, öffentlichen Organisationen oder z. B. den Veranstaltungsstädten macht sich im Auftragseingang bemerkbar.
mep:
Stichwort Produktentwicklung: Lassen sich Zelte und Hallen überhaupt noch in neuen Formen und besseren Materialien herstellen?
R. Blasius
Sicherlich! Das amerikanische Patentamt hat irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts einmal erklärt, dass nunmehr alles erfunden wäre, was man erfinden kann. Aus heutiger Sicht wirkt diese Aussage lächerlich. Im Zeltebereich wird die Produktentwicklung in den folgenden Jahren eher Evolution als Revolution sein, da die etablierten Systemhersteller ja auch die bestehenden Bestände ihrer Kunden nicht durch Inkompatibilität entwerten dürfen.
mep:
Wie sehen die nächsten und mittelfristigen Ziele Ihres Unternehmens aus?
R. Blasius
Wir werden unsere Chancen im nationalen Markt wahrnehmen und unser Wachstum schwerpunktmäßig auf weitere Auslandsmärkte ausrichten. Wir fokussieren uns auf Veranstaltungen im oberen Qualitätssegment und lassen die Finger vom unlukrativen Massengeschäft. Die Konsolidierungsprozesse werden wir wachsam verfolgen und bei Gelegenheit aktiv gestalten.
mep:
Vielen Dank für dieses Gespräch!
Infobox:
Die RÖDER Zeltsysteme und Service AG ist seit 1992 an der Börse notiert. Als so genanntes "Small Cap"-Unternehmen ist es derzeit im Börsensegment General Standard vertreten und wird im elektronischen Handel XETRA sowie an den Börsen Stuttgart, Berlin und Frankfurt am Main gehandelt. Die RÖDER Zeltsysteme und Service AG hat einen zweiköpfigen Vorstand (Rüdiger Blasius, Martin Osbeck) und einen Aufsichtsrat mit drei Mitgliedern (Dr. Hendrik Schindler, Klaus Nordhoff, Heinz-Frank zu Franken). Der Zelthersteller und -vermieter mit Hauptsitz im hessischen Büdingen ist mit operativen Tochtergesellschaften in China, Frankreich, Großbritannien, Italien, Russland und der Schweiz sowie Vertriebspartnern und Büros weltweit vertreten. Im Geschäftsjahr 2005 erwirtschaftete die RÖDER Gruppe einen Umsatz von rund 42 Millionen Euro und damit 16 Prozent mehr als im Geschäftsjahr 2004 (36 Mio. EUR).